Antriebsfragen

Hier geht es nicht um die Motoren (dazu siehe Kaufberatung), sondern um Getriebe und Differentiale.
Seriengetriebe

Den W123 gab es anfänglich nur mit dem serienmäßigen 4-Gang-Schaltgetriebe oder der als Extra erhältlichen 4-Gang-Automatic, bei der der Kunde bis zum Produktionsende zum gleichen Preis zwischen Mittel- und Lenkradwählhebel wählen konnte. Damit war der W123 der letzte deutsche Serien-PKW, bei dem eine Lenkradautomatic bestellt werden konnte. Erst BMW hat diese mit dem aktuellen 7er wiederbelebt.

Ab Ende 1981/Anfang 1982 konnten nach und nach alle Motorisierungen des W123 auch mit einem manuellen 5-Gang-Schaltgetriebe der Firma GETRAG ausgerüstet werden, Eine Ausnahme bildete der 300TDT, der grundsätzlich nur mit Automatic zu erhalten war.

Die Übersetzungen der Getriebe sind nicht alle identisch. Je nach Serie unterschieden sich die Abstimmungen der ersten drei Gänge geringfügig. Der 4.Gang ist jedoch bei allen Getrieben, ob 4- oder 5- Gang oder Automatic mit 1,0 direkt übersetzt. Der 5. Gang hat jeweils die Übersetzung 0,81.

Haltbarkeit
Die manuellen 4-Gang-Getriebe genießen den Ruf absoluter Unverwüstlichkeit. Auch nach 300.000 km schalten die Getriebe meist mit einem vernehmlichen und exakten "Klack" in die gewählte Fahrstufe. Defekte bei diesen Getrieben kommen quasi nicht vor und wenn, ist ein gebrauchtes Ersatzgetriebe immer leicht zu beschaffen. Man sollte aber auch den 4-Gang-Getrieben ab und zu (alle 60.000 km oder 5 Jahre) einen Getriebeölwechsel gönnen. Dieser kommt im Wartungsplan von Mercedes nicht vor, weil hier eine "lebenslange" Betriebsdauer des Öls angegeben ist. Nun, das mag für 10 Jahre gut gehen, inzwischen sind die Autos aber mindestens 20 und wer sich mal die Brühe angesehen hat, die nach so langer Zeit aus dem Getriebe fließt (vor dem Ölwechsel warm fahren!), wird diese Wartungsvorschrift nur mit Kopfschütteln quittieren.

5-Gang-Getriebe sind hingeben zickig. Das wußte schon der Hersteller und schrieb alle 60.000 km einen Getriebeölwechsel vor. Meist wird hier ATF verwendet, auch wenn die eigentlich Öl für Automaticgetriebe ist. Es gibt jedenfalls ein eigenes Öl für mechanische Getriebe von Mercedes. ATF geht aber auch.

5-Gang-Getriebe halten leider selten länger als 250.000 km, ohne durch Lagergeräusche auf fortgeschrittenen Verschleiß hinzuweisen. Der Grund ist einfach: beim 4-Gang wird der Antrieb quasi 1:1 durchgeschaltet, während beim 5-Gang im Getriebe noch übersetzt wird. Da zumeist im höchsten Gang gefahren wird, erklärt sich hier der vorzeitige Verschleiß. Natürlich kann man die Getriebe überholen. In Eigenregie ist es maximal möglich, die Wellenlager im Gußgehäuse zu wechseln. Interne Lager und Synchronringe kann nur der Getriebespezialist wechseln, weil die Zahnräder z.T. aufgeschrumpft sind. Im übrigen schalten sich 5-Gang-Getriebe schon im Neuzustand nicht ganz so exakt, wie die 4-Gänger.

Automaticgetriebe benötigen ebenfalls regelmäßige Ölwechsel, sind ansonsten aber überaus robust und liefern sich Haltbarkeitswettrennen mit den Motoren. Meistens gewinnt das Getriebe...

Anlasser links oder rechts?
Alle Motoren außer dem M102 (230E und 200 mit 109 PS) haben den Anlasser auf der Beifahrerseite, der M102 hat ihn auf der Fahrerseite. Da für den Anlasser eine Ausbuchtung in der Getriebeglocke vorhanden ist, lassen sich an einen M102 nur M102-Getriebe setzen, alle anderen Getriebe sind untereinander tauschbar. Da es jedoch unzählige W123 mit M102 gab, herrscht hier kein Mangel. Im Gegenteil: Während 5-Gang-Getriebe für den M102 noch relativ einfach zu beschaffen sind, gestaltet sich die Suche nach einem 5-Gang für die anderen Motortypen schwieriger und teurer.
Getriebe tauschen
Die Rede ist hier nicht von Ein- und Ausbau des Getriebes (z.B. zum Kupplungstausch), sondern es geht um die Frage, ob man (und wie man) einen 4-Gang-Schaltwagen auf 5-Gang oder Automatic umbauen kann oder umgekehrt. Grundsätzlich: nichts ist unmöglich. Der Teufel steckt im Detail. Für den Umbau eines 4-Gang-Wagens auf 5-Gang benötigt man: 5-Gang-Getriebe, passende Kardanwelle (die ist kürzer, weil das Getriebe länger ist), Schaltbock, Schalthebel, anderen Schalter für Rückfahrscheinwerfer, 5-Gang-Hardyscheibe und 5-Gang Kupplung. Evt auch eine andere Tachowelle (die für 5-Gang ist länger). Der Umbau ist beschrieben auf der Homepage der Nordlichter (www.nordlichter.org)

Der Umbau von Schaltung auf Automatic oder umgekehrt ist auch machbar, allerdings gilt es hier zu beachten, daß die Schwungscheibe außer beim M102 bei allen Motoren zusammen mit der Kurbelwelle feingewuchtet ist. Darum ist sie nicht einfach so zu tauschen (was für den Automaticumbau nötig ist), ohne durch evt Unwuchten Lagerschäden zu riskieren. Der Umbau von Automatic auf Schaltung ist leichter als umgekehrt - habe ich mir sagen lassen. Da ich beides noch nicht gemacht habe, kann ich dazu keine Details angeben.

Hinterachsübersetzungen
Eines der beliebtesten Hobbies von W123-Fahrern ist das Führen endloser Diskussionen um die Wahl der richtigen Hinterachsüberstzung. Abgesehen von ein paar exotischen Übersetzungen für Exportmärkte gab es beim W123 sechs Differentialübersetzungen: Die Zahl sagt folgendes aus: die Kardanwelle beim 3,92-Diff muß sich 3,92-mal drehen, damit sich die Antriebswellen einmal drehen.

Die Serienübersetzungen werden von den meisten heutigen Fahrern für zu kurz gehalten (zumindest wenn kein 5-Gang verbaut ist). Einerseits stellten die Übersetzungen damals einen Kompromiss dar. Trotz der für heutigen Verhältnisse z.T. bescheidenen Motorleistungen (55 oder 60 PS im 200D) mußte ja eine ausgewachsene 1,5t Karosserie und oft auch noch ein Anhänger bewegen. Ob darunter das Geräuschniveau litt, war Menschen, die den Käferboxer noch im Ohr hatten relativ egal....

Nun muß der durchschnittliche W123 heute keinen Wohnwagen mehr ziehen, Geräusch und Sparsamkeit stehen mehr im Vordergrund. Es liegt also nahe, hier korrigierend einzugreifen und ein etwas längeres Differential einzubauen. Doch Vorsicht! Bei zu langen Differentialen werden die Schaltsprünge zu groß. Beim Einbau eines 5-Gang-Getriebes ist hingegen umgekehrt ein kürzeres Differential zu empfehlen. Sonst besteht die Gefahr (außer beim 230E und 280E), daß der Motor zu schwach ist, den langen 5. Gang als echten Fahrgang zu nutzen.

Wichtig ist, daran zu denken, daß der Tacho der Hinterachsübersetzung angepaßt sein muß, denn die Tachowelle mißt die Kardanwellenumdrehungen (am Getriebe)!

Hier sieht man, um wieviel Prozent sich die Gesamtübersetzung ändert, je nach Differential und Getriebe.

Lesebeispiel: Man hat einen 240D mit 3,69 und 4-Gang (Spalte 2) und baut um auf 3,92 mit 5-Gang (Zeile 7). Die Gesamtübersetzung wird 16,2% länger. Grüne Zahlen bedeuten eine längere Übersetzung, rote Zahlen eine kürzere Übersetzung.

Die anliegenden Drehzahlen je nach Übersetzung und Geschwindigkeit zeigen, wie groß die Schaltsprünge sind. Zahlen unter 2000 sind weiß, bis 3000 gelb, bis 4000 grün, bis 5000 blau und bis 7000 rot hinterlegt. Drehzahlen über 7000 empfehlen sich für keinen W123-Motor...

Zum Schluß die Geschwindigkeiten, die der W123 bei der jeweiligen Drehzahl mit entsprechender Übersetzung fährt. Geschwindigkeiten zwischen 70 und 100 (Anhängerbetrieb) sind gelb hinterlegt, Geschwindigkeiten bis 130 sind blau, die Autobahngeschwindigkeiten 130 bis 170 sind grün. Tempo 170 und mehr ist rot. So schnell fahren nur 230E und 280E. Der cw-Wert des W123 von 0,43 setzt 170 km/h als eine Art natürliche Grenze....

Neben den Drehzahlen stehen, welche Motoren dort ihr jeweilig maximales Drehmoment und ihre maximale Leistung entfalten. Man sollte sich dabei vergegenwärtigen, daß die Übersetzung optimalerweise so zu wählen ist, daß bei maximaler Geschwindigkeit des Autos die Nenndrehzahl der Leistung anliegt. Beispiel: der 240D fährt laut Werksangabe 143, laut Tacho 160, vermutlich echte 155. Nenndrehzahl ist 4500 (in Wirklichkeit 4400, aber das spielt hier keine Rolle). Jetzt sucht man sich in der Zeile für 4500 die Geschwindigkeit 155 und landet zwischen 3,46 (147) und 3,07 (165). 165 ist für den 240D zu viel, das kann er mit seinen 72 PS nicht stemmen. Darum wäre 3,46 eine gute Wahl für des Differential. Ein Blick auf die oberste Tabelle zeigt, daß damit die Gesamtübersetzung gegenüber der Serie (3,69) um 6,6% steigt (4-Gang). In der Zeile für 4500 U/min in der dritten Tabelle findet sich noch die Geschwindigkeit 160 bei 3,92 mit 5-Gang. Das ist also sicher auch noch eine gute Wahl für den 240D. 3,69 mit 5-Gang hingegen ist zwar fahrbar (und so ab Werk ausgeliefert), aber man muß dann bei jedem Berg sofort zurückschalten.

Erst beim Nachfolger W124 wurden die Differentialübersetzungen unterschiedlich gewählt, je nachdem, ob ein 4-Gang, ein 5-Gang oder Automatic verbaut wurden. Auch erhielten das leichtere und windschlüpfligere Coupe und das schwere T-Modell jeweils andere Übersetzungen als die Limousine. Beim W123 hängt die Übersetzung des Diffs jedoch ausschließlich vom Motor ab.

Kleiner Nachtrag: Bei ABS besitzen die Differentiale einen Sensor. Dieser ist nicht nach- oder umrüstbar. Wer ein Auto mit ABS hat, ist auf der Suche nach Differentialen also eingeschränkt, denn ABS wurde zumeist im 230E oder 280E geordert. Dementsprechend findet man ABS fast nur mit 3,58-Übersetzung. Die Suche nach 3,92 mit ABS ist fast aussichtslos.


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