Der W123 und die passive Sicherheit

Wer ein altes Auto fährt, muß sich gegenüber Neuwagenbesitzern oft genug rechtfertigen. Selbst wenn man alle Vorurteile zum Thema Umweltschutz etc ausgeräumt hat, verweist der Neuwagenfahrer meist auf das Thema passive Sicherheit und erzählt stolz über seine zwei, vier, sechs oder acht kuscheligen Airbags, ABS, ESP, Bremsassistent etc und die 4 Sterne im ADAC-Crashtest und wünscht Dir Altwagenfahrer viel Glück beim Unfall....

Wer sich dann als hartgesotter Oldtimerfahrer nicht auf seine stilechte Christophorusplakette verlassen mag, gedenkt sicher, durch etwas vorausschauendere und gemächlichere Fahrweise, sich brenzligen Situationen zumindest zu entziehen. Aber ein ganz klein bißchen Unwohlsein mag trotzdem bleiben, denn natürlich kann man sich vor den Wahnsinnstaten anderer Verkehrsteilnehmer niemals sicher schützen.

Darum will ich auf dieser Seite hier einmal darstellen, wie es um die passive Sicherheit des W123 bestellt ist.

Passive Sicherheit bei Daimler-Benz

Daß unsere modernen Autos innen keine verchromten Kipphebel etc aufweisen, sondern alles aus geschäumten Plastik besteht, die Schalter ohne Ecken und Kanten sind und überhaupt alles aussieht, als wäre es ein paar Jahrtausende in einer Wildwasserklamm rundgespült worden, verdenken wir einer sehr langen Tradition der Forschung an der passiven Sicherheit. Dabei hat die Firma Daimler-Benz von Anfang an eine führende Rolle gespielt.

An erster Stelle ist hier Bela Barenyi, der "Sicherheitspabst" der Automobilbranche zu nennen, der während seiner Tätigkeit bei Daimler-Benz Tausende von Patenten angemeldet hat. Ihm ist es zu verdanken, daß schon in den 30ern über zurückversetzte Lenkgetriebe gegen den Lanzenstoß der Lenksäule beim Unfall, über stabile Fahrgastzellen und weiche Knautschzonen, über Sicherheitsgurte und stabile Türschlösser nachgedacht wurde. Nach seinem Tod wurde er in die Detroiter Automotive Hall of Fame aufgenommen. Seinen Bemühungen verdanken sicher viele Tausend Menschen ihr Leben oder ihre Gesundheit.

Die ersten Crashtests wurden bei Daimler Benz in den 30er Jahren durchgeführt. Vorrangiges Ziel war damals, die Türschlösser so zu bauen, daß die Türen nicht aufspringen und die Passagiere herausgeschleudert werden. Das Ergebnis war seit den 50ern das berühmte Mercedes-Zapfentürschloß, das auch noch der W123 aufweist, das aber bei modernen Mercedes einer weniger aufwendigen Konstruktion gewichen ist.


Der Vorgänger W115

Schon der Vorgänger des W123, der W114/W115 von 1968 bis 1976 besaß natürlich alle passive Sicherheit, die zum Entwicklungszeitpunkt (Mitte der 60er) Stand der Technik war. Bei seinen Eignern ist gerade die erste Serie beliebt, die noch ein stilvolles elfenbeinfarbenes oder schwarzes Lenkrad besaß, während die zweite Serie das geschäumte Pralltopflenkrad besaß, das dann auch im W123 verbaut wurde. Ein solches Lenkrad ist crashtechnisch natürlich der "worst case", also der schlimmste anzunehmende Fall (wohl nur noch übertroffen vom Holzlenkrad...). Wir treffen hier also auf den klassischen Konflikt zwischen Stil und Sicherheit.

Auch der W115 wurde natürlich umfangreich gecrasht. Das Bild zeigt das Ergebnis nach einem Offsetcrash mit 40% Überdeckung auf eine harte Barriere. Die damals übliche Crashgeschwindigkeit betrug 50 km/h. Wie man sieht, gibt der Wagen doch deutlich nach. Schweller und A-Säule geben nach, das ganze Armaturenbrett dringt tief in den Innenraum ein und auch die Tür sieht nicht mehr so aus, als wäre sie problemlos zu öffnen.

Der Offsetcrash, der ganz erheblich größere Anforderungen an die Karosseriesteifigkeit stellt, als der Frontalcrash mit 100% Überdeckung (siehe Bild ganz oben auf dieser Seite) wurde erst nach der Entwicklung des W115 und des W123 zum Standard.

Im W115 wurden ab Mitte der 60er auch in Versuchswagen ABS und Airbags eingebaut. Beides war allerdings noch nicht serienreif und auch in der S-Klasse (W116 von 1972-1979) nicht erhältlich.


Der W123 im Crash

Die leichten konstruktiven Verbesserungen des W123 gegenüber dem W115 zeigt dieses Vergleichsfoto. Wie man beim Vergleich der A-Säule erkennt, ist beim W123 beim gleichen Test (hier bei einem Coupe, das ohne Fahrertür(!) gecrasht wurde) trotz der fehlenden Tür die Fahrgastzelle etwas stabiler geblieben. Aber auch hier verengt sich der Überlebensraum deutlich. Der W123 wurde bei der Entwicklung noch hauptsächlich auf Frontalcrashs mit 100% Überdeckung ausgelegt.

Dieser Crash ist auch auf dem Eingangsbild mit dem T-Modell zu sehen. Die Fahrgastzelle bleibt dabei offensichtlich sehr stabil. Die auf dem T-Modell-Bild zu sehende Instabilität der Vordersitze wurde hoffentlich von Daimler-Benz nach diesem Crash verbessert... Das obige Bild mit der Limousine zeigt jedenfalls ein erheblich besseres Bild.

Auch dem erst in letzter Zeit ins Bewußtsein der Öffentlichkeit dringenden Thema Seitenaufprall widmete man sich bei Daimler-Benz. Wie man anhand des Fotos sieht, könnte man sich hier auch ein schlechteres Bild vorstellen. Natürlich schützt ein Neuwagen mit Seitenairbags hier ganz erheblich besser, im Vergleich zu einem vielleicht 5 Jahre altem jungen Gebrauchten macht der 25 Jahre alte Veteran W123 aber noch eine ganz gute Figur.

Weitere Verbesserungen der passiven Sicherheit: ABS und Fahrerairbag als Sonderausstattungen ab 1982 und Gurtstraffer ab 1984 als Serienausstattung


Der Nachfolger W124 im Crash

Der Nachfolger W124 sieht im Offsetcrash wiederum besser aus, als der W123. Anhand des auf dem Armaturenbrett geklebten weißen Streifens erkennt man, daß die Schrägstellung erheblich geringer ist, als beim W123.

Heutige Offsetcrashs (NCAP-Test) werden übrigens nicht mehr mit 50 km/h gegen die starre Bariere, sondern mit 64 km/h gegen eine "weiche" Barriere gefahren. Diese verformt sich und simuliert so besser einen Unfallgegner. Die Strukturbelastung bleibt dabei etwa gleich. Beim Seitencrash fährt die deformierbare Barriere mit 50 km/h gegen den Wagen.


Unfallberichte

Der beste Test nützt nichts, wenn der Wagen in der Praxis nicht genügend schützt. Als ein Beispiel, wie gut man auch in einem W123 geschützt sein kann, dienen folgende Berichte.
Der abgebildete W123 gehörte Nils Kuhn, der folgendes schreibt:

Mein Bruder vom Bodensee will mit seiner Frau im Golf2 nach Italien fahren, ich sag ne ne lass mal bleiben von wegen im Auto schlafen und so. Er hat ein einsehen und holt mein 123 in Stuttgart extra ab. Hat ihm dann wohl das Leben gerettet... Also die waren mittags um 14.00 Uhr von Rom nach Pompeji mit 100 unterwegs als ein BMW 3er mit 160 ankommt und ungebremst hinten reinscheppert. Der 123 ist erst mal gut abgegangen, über alle 3 Spuren im spitzen Winkel in die Mittelleitplanke, von dort wieder über alle Spuren, nimmt die besagten 20m Leitplanke mit und überschlägt sich im spitzen Winkel in eine 3m breite Abwasserrinne. Dummerweise genau so dass er mit der Dachmitte auf die Kante der Rinne aufschlägt bevor er vollns reinrutscht. Und dann in der Rinne noch ne Rutschpartie von 50m. Die Motorhaube hat sich der Rinne sichtbar angepasst. Ausstieg durch das Loch wo früher die Windsschutzscheibe war. Technisch ist es interessant wie der T hinten geknautscht ist. Ist zwar schlecht zu sehen, aber die Fahrgastzelle hat funktioniert. Genau hinter den Fondtüren sieht man eine Knick durchs Dach laufen und der Kofferraum hat schon etwas absorbiert (AHK hat die Sache etwas versteift). Was den Fahrerfußraum angeht kann man nur sagen daß meine Schwägerin mit Ihren 1,60m gut dran war, mein Bruder mit 1.95 hätte sicher was von der Mittelleitplanke abbekommen.

Ergebnis: Fahrerin Nase gebrochen, Beifahrer Knöchel verstaucht und Kopfhaut geschürft


Die folgende Story kommt von David Mucha:

Hier sieht man einen 280E der Serie 0,5 (*wein*) nach einem Unfall, bei dem ein Baum mit Wahnsinnsgeschwindigkeit auf das Auto zugelaufen ist. Die Fahrerein hat es leider nicht gemerkt, weil sie eingeschlafen ist. (übermüdet - es ist ihr aber NICHTS passiert). die andere Besonderheit ist, daß das Auto auch im Frontbereich durch den Rost absolut keine Festigkeit mehr hatte. Zum Zerlegen bin ich in den Kofferraum gestiegen und gleich durchgebrochen... Man kann also sagen, daß so ein 123er auch als Rostleiche noch ziemlich sicher ist.

Die Scheinwerfer und vordere Stoßstange sind nicht original, die wurden wegen einem früheren Unfall gewechselt.

Die Geschwindigkeit war ca. 60 km/h


Hier noch Bilder von realen Unfällen Und was ganz anderes zum Thema Crashtest:
Bericht von Alex Dech und Eberhard Weilke über ausrangierte "Spezial"-Mercedes der Polizei zum Üben des Stoppens von Fluchtwagen per provoziertem Crash (e)

Fazit

Der W123 ist ein Auto, bei dessen Entwicklung passive Sicherheit eine sehr wichtige Rolle spielte. Der Fortschritt der letzten 30 Jahre auf diesem Gebiet kann aber nicht wegdiskutiert werden. Mit Sicherheit ist der W123 das sicherste Fahrzeug seiner Epoche (von der S-Klasse W126 (1979-1989) mal abgesehen). Nach den heutigen Testkriterien dürfte ein airbagloser W123 aber wohl nur 2 von 5 Sternen erreichen. Dafür sind die Insassen-Belastungen ohne Airbag einfach zu hoch. Die Karosseriestruktur ist schon relativ gut. Man denke zum Vergleich daran, daß GM mit dem Opel Sintra noch vor 5 Jahren ein Fahrzeug neu auf den Markt brachte, dessen Karosserie beim Offset-Crash völlig zusammenbrach (siehe Bild) und der darum nach dem verheerendem Ergebnis auch ganz schnell wieder vom Markt verschwand. Anmerkung: Trotzdem bekam der Sintra übrigens 2 von 5 Sternen!

Die meisten Klein- und Kompaktwagen (hier ein Ford Fiesta Baujahr 2000) bieten bis keute kaum mehr passive Sicherheit und können dies auch angesichts der kurzen Karosserieüberhänge kaum (wo ist in einem Lupo der Überlebensraum für die Fondpassagiere bei einem Heckaufprall, wenn der Abstand zwischen Stoßstange und Passagier keine 80 cm beträgt?). In einem 4,8 m Auto mit 1,5 Tonnen Leergewicht hat man da im Vergleich einfach die Physik auf seiner Seite

So ist ein W123 im Vergleich zu heutigen Autos seines Formats sicher nicht mehr up-to-date, sein Fahrer darf einem Crash im Alltag aber relativ gelassen entgegensehen, wenn man vom herzzerreißendem Verlust seines treuen Gefährten mal absieht....


externe Links zum Thema:

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