Der W123 ist ein Kultauto. Ist er das? Und wenn ja, warum ist er das? Was ist eigentlich ein Kultauto, bzw was macht ein Auto zu einem Kultauto und ein anderes nicht?
Dieser Frage möchte ich in diesem kleinen Exkurs nachgehen.

Das Kultauto schlechthin - hier mein erstes Auto!


Schwer kultverdächtig: Existenzialismus aus Fronkraisch, Fronkraisch...


"Small is beautiful" - Häufigste Kultbasis...
Ich glaube, wenn man einen X-beliebigen Menschen auf der Straße fragt, was ist ein Kultauto, so wird er - falls er automobilseitig nicht völlig desinteressiert ist - wohl antworten: Käfer oder Ente. Vielleicht noch "Mini" oder - so er schon etwas älter sein sollte "Fiat 500" oder "Isetta". Es sind also in erster Linie die lieben Kleinen, die unser Herz erweichen, an denen auch persönliche Erinnerungen hängen, weil sie einen durch die eigene Sturm-und-Drang-Zeit begleitet haben und trotz chronisch blanker Taschen ihrer Besitzer und improvisierten Reparaturen klaglos auch nach Südfrankreich oder Italien gekommen sind. Es bedarf also nur wenig prophetischer Gabe schon jetzt vorauszusehen, daß der Renault Twingo, der diese Lücke heutzutage perfekt füllt, in wenigen Jahren ganz gewiß das Kultauto der jetzigen Twens sein wird.
Die zweite Art von Auto, an denen persönliche Erinnerungen hängen, sind natürlich die Autos, in denen wir als Kinder gesessen haben und in die Welt kutschiert wurden. Man sieht immer noch aus der Perspektive des 6-jährigen den Papa am schwarzen Bakelit-Lenkrad drehen. So langweilig der Opel, Ford oder Audi damals auch gewesen sein mag, taucht man heute noch mit einem gepflegten Exemplar auf, sind die spitzen Schreie des Entzückens vorprogrammiert. "So einen hatten wir auch mal!" Ein mildes Lächeln legt sich über das Gesicht des Passanten und er erzählt von vermeintlich besseren Zeiten. Der Eigner eines klassischen Rolls-Royce oder Jaguars darf auf solche Reaktionen kaum hoffen.
Beide Kategorien - also die eigenen ersten Autos und auch die ehemaligen Familienautos - stammten natürlich aus Zeiten, als Autos alles andere als perfekt waren. Gefrorene Atemluft an der nur ungenügend mit Wärme versorgten Frontscheibe des Käfers, unfreiwillige Spaziergänge zur nächsten Tankstelle aufgrund des in falscher Position verbliebenen Reservehahns oder archaische Startprozeduren wie Zuganlaßschalter verklären sich in der Erinnerung und werden dann nicht mehr "Fehler", sondern "Charakterzüge" genannt...
Mit diesen Klippen gekämpft und sie erfolgreich bewältigt zu haben, hebt im Nachhinein das Selbstbewußtsein der einstigen Eigner. Ebenso wie der erfolgreich gewonnene Kampf gegen den St. Gotthardpaß im vollbepackten Käfer oder die Minuten der Todesverachtung bei Überholmanövern auf einsamen Landstraßen mit der Ente.
Perfektion erzeugt Langeweile. So ist kaum damit zu rechnen, daß ein moderner Mittelklassewagen je so kultverdächtige Erinnerungen heraufbeschwören wird, wie die Vehikel untergegangener Epochen. Man bekommt geradezu Mitleid mit den heutigen Führerscheinneulingen, daß ihnen solche Erfahrungen entgehen werden.

Es ist darum kein Zufall, daß der kleine Mercedes Diesel immer gleichberechtigtes Mitglied in diesem Kreis war. Im Ponton Diesel werkelten noch 40 PS. Mercedes-Chef Jürgen Hubbert erinnerte sich, daß damit Überholmanöver strategisch vorgeplant werden mußten. Aus heutiger Sicht kann das so schwer nicht gewesen sein. Die zu überholenden LKW fuhren kaum 80, andere Verkehrsteilnehmer hatten kaum mehr Leistung und außerdem waren die Straßen beneidenswert frei. Auch an den 55 PS im Mercedes 200D in Form der Heckflosse oder dem Strichacht, störte sich niemand. Es war eher der Ruf der Unzerstörbarkeit, der den Diesel zum Kult machte und eben die Tatsache, daß es kein auf der linken Spur drängelnder 280E mit 185PS war, sondern ein Auto, das sich sozialverträglich in den Verkehrsstrom der Käfer und 60PS-Mittelklassenautos einfügte.
Dies wird ihm auch heute noch zugute gehalten. Sein Kultstatus war dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL darum vor nicht allzulanger Zeit noch einen Artikel wert: Die wieder entdeckte Langsamkeit
Außerdem war er ein Massenauto. Denn damit ist noch ein wichtiger Aspekt des Kultautos erfüllt: So wie Kultsendungen nur die sind, die einen hohen Marktanteil haben, so muß auch ein Kultauto unbedingt ein Massenprodukt sein. Nur wenn viele Menschen ganz ähnliche Erinnerungen und Gefühle mit einem Auto verbinden, kann es zum Kult werden.
Die dritten Autos mit den persönlichen Beziehungen sind natürlich die Traumwagen, die damals unerreicht waren, in denen man als Kind vielleicht mal ehrfürchtig mitgefahren ist und die man sich dann als Erwachsener erfüllt. Eine S-Klasse ist so ein klassisches Beispiel für diese Sorte.
Und in welche gehört der W123? Nun interessanterweise in alle drei! Denn der phlegmatische aber unverwüstliche Bauerndiesel 200D ist seit Jahrzehnten von der Heckflosse bis hin zum W124 als Gebrauchtwagen ein ebenso selbstverständliches Studentenauto gewesen, wie ein Käfer oder heute ein Twingo. Und ebenso war der W123 natürlich das Auto, daß die Väter und Mütter stolz als Neuwagen fuhren und es ist heute der Wagen, der damals als 280E ein sündhaft teurer Traum-Luxuswagen war, der aber heute in ganz erreichbarer Nähe des Bankkontos liegt.
Der W123 mit seinem bis heute gehaltenem ewigen Produktions-Rekord bei Daimler-Benz von 2,7 Millionen gebauten Exemplaren hat natürlich auch über 20 Jahre lang bei mehreren Generationen von Erst- bis Letztbesitzern unauslöschliche Erinnerungen hinterlassen und damit die besten Voraussetzungen für den Kultstatus.
Es gibt aber noch mehr Aspekte, die den W123 zum Kultauto machen.
Er war entgegen der fortschrittlichen Technik (ABS, Airbag) bei Produktionsende optisch schon hoffnungslos veraltet. Er war der letzte Chromsaurier. Als 1985 die letzten Exemplare die Werkshallen verließen, baute man in Ingolstadt schon seit zwei Jahren den weitgehend chrom- und gänzlich dachrinnenlosen Aerodynamik-Weltmeister Audi 100 mit verklebten Scheiben, bei Porsche hatten die Autos schon gar keine Stoßstangen mehr, sondern die heute allseits üblichen voll lackierten und in die Karosserie integrierten Kunststoffelemente. Bei Ford waren der Sierra und der Scorpio zumindest optisch futuristisch und bei VW stand der neue Passat III (ohne Kühlergrill) schon kurz vor der Premiere. Auch der kleine Mercedes 190 (W201) ließ ebenso wie die S-Klasse (W126) den W123 wie ein Fossil wirken.Er kam noch aus der Zeit der Erstserien-Granadas und solche Chromstoßstangen wie der W123 trug danach nie wieder ein Auto. Ein Werbespruch von Daimler-Benz in den 70ern lautete Autos "Immer in Rufweite der Mode" zu bauen. Nun, beim W123 mußte die Mode schon laut schreien....
Aber gerade das macht ihn heute so liebenswert, denn ein Audi 100, Opel Omega oder Ford Scorpio Baujahr 1984 wirkt viel zu zeitgemäß. Ihre Kühlerfronten ducken sich wie die Neuwagen in den Wind wohingegen ein W123 auf einem Parkplatz sofort daran zu erkennen ist, daß er seinen Kühlergrill trutzig wie eine Burg steil in den Himmel streckt. Damit transportiert er die Reste der voraerodynamischen Epoche, als die Resourcen der Welt noch unendlich schienen in die Moderne und ist so herrlich anachronistisch, daß man sogar bereit ist ihm zu verzeihen, daß zumindest die 6-Zylinder-Versionen tatsächlich soviel Sprit verbrauchen, wie die nicht vorhandene Aerodynamik befürchten läßt....
Seine Karosserie, die eine Schrumpfausgabe des üppigsten Luxusstatements aller S-Klassen, dem W116 ist, der im schlimmsten Fall auch vor Verbäuchen von 25 Litern nicht zurückscheute, erinnert damit schlicht an die "gute alte Zeit", die natürlich vom ökologischen Aspekt her alles andere als gut war.
Der W123 ist heute einfach die "Vernunft-Version" des W116. Ein fast ebenso behäbiges Auto, daß das Grandsigneur-Gefühl des "schweren Wagens" ähnlich gut vermittelt, aber mit sparsamen 4-Zylinder oder Dieselmotoren auch mit Normalverdiener-Budget zu bewegen ist.
Und während seine viel moderneren Zeitgenossen, der Audi 100, der Ford Granada/Scorpio und Opel Rekord/Omega alle sang- und klanglos aus dem Straßenbild verschwinden, ohne daß es jemandem auffällt, bis nur noch winzige Stückzahlen von einer ebenso winzigen Fan-Gemeinde tapfer gegen die Ersatzteilnot am Laufen gehalten werden, prägt der W123 immer noch in sechsstelliger Stückzahl das deutsche Straßenbild und stemmt sich gegen den Zahn der Zeit. Nicht zuletzt dank der erstklassigen Ersatzteilversorgung, die DaimlerChrysler auch heute noch ihren ehemaligen Produkten angedeihen läßt. So richtig selten wird er darum wohl nicht werden, ebensowenig wie die anderen Kultautos Käfer, Ente oder Mini.
Dafür hat er sich wie diese viel zu sehr in die Herzen seiner großen Fangemeinde eingegraben. Und das ist auch gut so, stellt sein satter Türsound doch auch nach 25 Jahren oder 500.000 km noch das Qualitätsmaß dar, an dem sich jeder Neuwagen messen muß - und scheitert....