Mein 200T
mein 200T (nach der Restauration)
Die Suche
Mein erster W123 war gar nicht meiner. Er gehörte meinen Eltern von 1985 bis 1992.
Es war ein 200 in surfblau, Baujahr 1983. Als dieses Auto im Alter von 9 Jahren und mit
280.000 km auf der Kurbelwelle verkauft wurde, hieß es bei der Mercedes-Niederlassung schon
"sowas kaufen nur noch die Ausländer". Nun ja, ich hab ihn jedenfalls damals dummerweise nicht übernommen und
dies hat mich sehr lange gewurmt. Dabei fand ich den W123 damals als er neu war, zunächst
gar nicht so toll. Insbesondere das Heck der Limousine gefiel mir nicht. Den T fand ich erheblich
schicker. Und als der W124 den W123 ablöste empfand ich das als neue Auto als Designoffenbarung
und fand ihn totschick. Nun, das finde ich auch heute noch, aber das ist nicht das Thema.
Der W123 jedenfalls hat mich vor allem überzeugt, nachdem ich das erstemal 1985 selbst hinter
dem Lenkrad Platz nahm. Ich weiß noch, daß ich den Kontrast zu dem gewohnten Passat meiner Mutter
als unglaubliche Offenbarung empfand. Die Leichtgängigkeit der Bedienung, den Komfort, das
Gefühl der Sicherheit und die Handlichkeit trotz der stattlichen Außenabmessungen.
Der W123 hatte mich also erst beim Fahren in seinen Bann gezogen. Dennoch folgte eine lange
Phase der Mercedesabstinenz, die mit einem Käfer und drei Audi 80 gefüllt wurde.
Erst als vor ein paar Jahren der W123 so langsam anfing in die Jahre zu kommen und
sich von der Masse abzuheben, wurde ich wieder auf ihn aufmerksam. Ich fing an, guten Exemplaren
hinterherzusehen und nach einer Enttäuschung über meinen letzten Audi kam der Entschluß, einen
zu kaufen.
Nun, da damals (2001) in Deutschland noch etwa 180.000 123er herumfuhren, sollte man meinen,
es sei nicht so schwer gewesen, einen zu kaufen. Doch ich hatte ein paar Einschränkungen:
- Das Auto mußte ein Kombi sein (hatte lange genug Limos gefahren, war einfach zu unpraktisch)
- Außerdem war ein Schiebedach ein absolutes Muß.
- Eine Zentralverriegelung hatte ich in meinem Audi auch schätzen gelernt
- Kopfstützen hinten fand ich aus Gründen der Sicherheit eigentlich unverzichtbar
- Einen geregelten Kat mußte das Auto sowohl aus Kosten- als auch aus Umweltgründen haben
- Es kam eigentlich nur ein 200T oder ein 230TE in Frage. Der 300TD oder TDT war zu teuer in den Steuern, der 240TD zu lahm, der 280TE zu teuer im Spritverbrauch (heute würde ich das anders sehen und einen 240TD, 300TD oder 300TDT suchen)
- Das Auto mußte wirklich so gut wie rostfrei sein, da ich kein begnadeter Schweißer bin.
Ein Blick auf die Bestandszahlen 2001(e)
macht aber klar, daß die Auswahl gar nicht mehr so groß war, denn von meinen Wunschmodellen 200T oder 230TE
gab es nur noch 3.532, bzw 10.625 Stück.
Wochenlang studierte ich die einschlägigen Internet-Gebrauchtwagenmärkte www.autoaktuell.de, www.mobile.de, www.faircar.de und
wie sie alle heißen.
Stets war man mit Grotten, unrealistischen Preisvorstellungen der Verkäufer oder mangelhafter Ausstattung konfrontiert.
Hatte man mal ein interessantes Auto entdeckt, stand dies unter Garantie an der Nordseeküste, in Berlin oder am Bodensee.
War eins hier in der Nähe, war es schon weg.
Eine frustrierende 3-Stunden Fahrt nach Heilbronn und zurück zur 5-Sekunden-Besichtigung einer Rostlaube,
die der Verkäufer am Telefon als "guter Zustand" pries, ließ mich gänzlich desillusionieren.
siehe auch: "Verkäufersprüche"
Der Zufall wollte es aber, daß mein Freund Gunnar so ein Auto besaß und verkaufen wollte.
Er wartete nur auf gutes Wetter, um wieder seinen Alfa Spider zu bewegen....
mein 200T (vor der Restauration)
Der Kauf
Die erste Besichtigung fand flüchtig abends im Regen statt. Erster Eindruck: Sieht gut aus.
In der ersten Vorfreude auf das Auto erstand ich schon mal eine Mittelarmlehne...., denn ich hatte inzwischen den Weg ins 123er-Forum gefunden und war so in die Szene gekommen.
Die zweite Besichtigung ein paar Wochen später im Hellen aber immer noch Regen: Kaum Beulen, kaum Rost. OK, Preislich werden wir uns schon einigen
(so um 3.500 DM).
Die dritte Besichtigung: Probefahrt und eingehende Betrachtung. Die Bestandsaufnahme war etwas desillusionierend:
- Beule in Kotflügel vorne links und Fahrertür
- Zerbrochenes Rücklicht links
- Halb abgerissene Zierleiste an der Fahrertür, verbeulte Zierleiste am Kühlergrill
- Heckklappe sitzt nicht richtig, schabt am Dach und hat den Lack abgehobelt
- Radlauf hinten rechts ist verbeult
- Die gesamte Heckpartie wurde mal stümperhaft lackiert und muß neu gemacht werden. Zwei kleine Beulen in der Heckklappe unterstreichen das.
- Innen ist das Auto ziemlich fertig: Der Fahrersitz ist nicht mehr original und wurde durch einen Sitz der 1.Serie ersetzt.
Das als Extra bestellte Gepäcknetz an der Rückenlehne fehlt. Der Beifahrersitz ist völlig fertig. Total verdreckt, was unter alten Lammfellbezügen
verdeckt wird. (=> siehe Bild)
Die Rückbank ist dreckig und total durchgesessen, der Teppich im Kofferraum ist nicht mehr zu retten, dreckig und zerrissen.
Die Verkleidung der B-Säule hängt in Fetzen.
- Die Schaltmanschette ist mehrfach gerissen
- Das Lenkradspiel beträgt 3 cm
- Der Innenkotflügel vorn links liegt in Fetzen
- Die Frontschürze war verbeult
- Der Kotflügel vorne links rostete
- Die Türfangbänder hinten waren völlig hinüber
- Die Zentralverriegelung war undicht
- Die Scheibenwaschanlage ist vorn und hinten ohne Funktion
- Der Blinker tut's manchmal nicht mehr nach Betätigung des Warnblinkschalters (erst nach drei Tagen gemerkt)
- Aus dem Tankstutzen läuft es den Lack runter (wohl undicht)
Die beste Idee wäre vielleicht gewesen, sich abzuwenden und weiterzusuchen, aber ich wollte so ein Auto und
dann ist man sachlichen Argumenten nur schwer zugänglich...

Also schaute ich genauer hin und wägte ab:
Auf der Habenseite stand die Tatsache, daß es sich um ein Auto in der gewünschten Ausstattung handelte (Kat, SD,ZV,Kopfstützen und mehr),
er nicht übermäßig viel km gelaufen hatte (237.000) und vor allem alle typischen Roststellen (Schweller, Wasserkasten...) sehr gut aussahen.
Nun stand ich da. Ich schwankte ein wenig, aber irgendwas sagte mir, daß dieses Auto sowas wie ein umgekehrter Blender war "Besser als es aussieht".
Irgendwie gab die Erinnerung an unseren alten 200er den Ausschlag, denn auch dieser Wagen war ein 200er und in derselben Farbe: surfblau.
Im Bewußtsein mich ewig zu ärgern, wenn ich die Gelegenheit nicht nutzte, kaufte ich den Wagen für 3.200 DM. (ein Preis, der angesichts des Zustandes
sicherlich zu diskutieren ist, aber was soll's, es war mir von vornherein klar, daß dieses Auto ganz andere Beträge kosten wird, bis ich es fertig habe und
da will man sich nicht um 500 DM streiten...)
So wurde ich am 25.4.2001 Besitzer eines surfblauen 200T. Es würde zu weit führen, hier aufzulisten, was an dem Auto alles erneuert werden mußte, aber gewiß ist, daß es jeden vernünftigen wirtschaftlichen Rahmen gesprengt hat. Und ohne die Hilfe der W123-Szene, die es ermöglicht hat z.B. preiswert an gebrauchte Teile zu kommen, wäre es ganz aussichtslos gewesen. Unendliche Schrauberstunden mit hilfsbereiten Kollegen aus dem unverzichtbarem W123-Forum haben mir aber auch ein stetig wachsenden Wissen über die Technik das Fahrzeugs vermittelt.
Viel Geld hätte ich sparen können, wenn ich gleich zu Beginn schon soviel Erfahrung gehabt hätte!
2004 habe ich dann, nachdem sich doch der Rost an vielen Stellen zeigte und der Karosseriezustand ein weiteres Aufschieben einer Generalüberholung nicht mehr zuließ, eine Beseitigung aller Schäden incl Komplettlackierung machen lassen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen...
Daten meines 200T
- Erstzulassung 6.2.1985.
- Antrieb: 2 Liter Hubraum, 4-Zylinder-Otto mit Vergaser, Leistung 80 kW/109 PS bei 5200 U/min, Drehmoment 170 Nm bei 3000 U/min, geregelter Kat Euro 2, 5-Gang-Schaltgetriebe, Höchstgeschwindigkeit ca. 170 km/h, Verbrauch ca. 10 Liter Super.
- Karosserie: Kombi, 7-Sitzer, Leergewicht 1480 kg, Zuladung 620 kg, Außenfarbe surfblau, innen Stoff blau.