Warum gerade der W123?

Der W123 ist der letzte Veteran der voraerodynamischen Chromära. Seine Entwicklung begann nach Präsentation des Vorgängers "Strichacht", W115 im Jahre 1968 und verkörpert damit heute einen Stil, den die Süddeutsche in einem Artikel am 29.6.2001 so beschieb:
"Der letzte Mercedes, dem die Träume der Bundesrepublik noch ins Blech gepresst waren: groß, schwer, mit viel Chrom außen und einem Innenraum, der immer ein wenig nach deutschem Wohnzimmer aussah und roch, nach Holz und Leder und Sonntagsbraten."
Nun, diese Träume wurden noch vor kurzem an jeder Ecke wie sauer Bier angeboten. Insbesondere die immer höhere Steuerbelastung für Autos ohne Katalysator im Allgemeinen und alte Diesel im Besonderen bewog so manchen einst stolzen Erst- oder Zweitbesitzer sich für lächerliche Summen von seinem gepflegtem Prachtstück zu trennen und so gingen (und gehen zum Teil noch heute) täglich ganze Schiffsladungen an W123 in den Export, um dort die nächsten 20 Jahre die Existenz der weitverzweigten Sippschaft eines Taxifahres zu sichern.

Doch die Phase des abgehalferten Gebrauchtwagens ist für den 123 inzwischen zu Ende. Seine Karriere als Liebhaberfahrzeug hat er längst begonnen. 25 Jahre nach Produktionsbeginn widmeten sich auffallend viele Berichte dem W123:

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat sich längst eine umfassende Szene um dieses Auto gebildet. Ich will versuchen, Lesern, die dem verständnislos gegenüber stehen, die Gründe für die Beliebtheit gerade dieses Modells näherzubringen:
  1. Das unaerodynamische Design mit der reichhaltigen Chromausstattung und der störrisch in den Fahrtwind erhobenen Front lassen den Wagen heute inmitten schmuckloser Strömungskünstler wie einen Oldie der 60er erscheinen, dabei wurde das Auto bis 1985 gebaut, d.h. es hat erheblich weniger Jahre auf dem Buckel als diese und ist voll alltagstauglich.
  2. Die bis heute anhaltende Fürsorge von Mercedes sorgt für eine perfekte Ersatzteilversorgung.
  3. Da es sich um ein echtes Massenauto handelt, kriegt man leicht und kostengünstig auch gebrauchte Teile. (Der W123 hält mit 2 696 915 produzierten Einheiten bis heute den Rekord unter allen Mercedes Baureihen. Auch danach wurden nie von einem Typ mehr Fahrzeuge produziert!)
  4. Die stattliche Zahl an überlebenden Autos läßt dem Interessenten eine reiche Auswahl an Autos, wenn er nicht gerade spezielle Ausstattungskombinationen sucht.
  5. Die Rostvorsorge war in den 80ern schon so, daß viele Autos, insbesondere der letzten Serie noch im guten Zustand sind.
  6. Das Auto wurde oft in Rentnerhand gepflegt, ideale Voraussetzung für ein langes Leben.
  7. Was das Design nicht vermuten läßt: Der W123 war eines der ersten Autos, bei dem moderne Sicherheitseinrichtungen wie ABS, Airbag und Gurtstraffer angeboten wurden - letztere sogar ab 1984 serienmäßig.*
  8. Dank der Bemühungen von Paul Wurm (e) sind alle W123 mit Benzinmotor mit geregeltem Kat nachrüstbar. Heute sogar auf Euro2 oder D3. Vergleiche haben sogar zutage gebracht, daß ein W123 mit Wurmkat sauberer ist, als so mancher steuersubventionierte Neuwagen. (Siehe: Abgastest der Oldtimer Markt (e))
*zum ABS: Es soll ja Leute geben, die es höchst überraschend finden, daß in so einem Oldie ein ABS vorhanden ist. In der Tat war Mercedes-Benz der erste Hersteller, der dies als Sonderausstattung anbot. Zunächst ab 1978 in der S-Klasse, dann ab 1980 auch im W123. Auch der Airbag wurde übrigens schon ab 1980 angeboten. Den Kunden, die ihr Auto schon hatten, wurde dabei erzählt, diese Sicherheitsausstattungen ließen sich nicht nachrüsten. Nun, natürlich ist das Blödsinn. Nur wäre es in der Tat bei einem damaligen Neuwagen wirtschaftlich nicht vertretbar gewesen, denn zum Einbau eines ABS müssen die Achsschenkel und das Hinterachsgetriebe (Differential), in denen jeweils die Sensoren stecken, getauscht werden. Außerdem muß der Kabelbaum für das ABS durchs Auto gelegt werden, wozu das Armaturenbrett natürlich ausgebaut werden muß. Die Hydraulikeinheit kommt vorne hinter den linken Scheinwerfer und die elektronische Steuereinheit hinter eine spezielle Verkleidung im Beifahrerfußraum. Außerdem müssen neue Bremsleistungen verlegt werden. Das alles wäre an Neuteilen unbezahlbar und die Arbeit erst recht. Hat man hingegen einen baugleichen Schlachtwagen mit ABS, ist dieses unproblematisch umzubauen. Wegschmeißen wäre ja wirklich zu schade und vielleicht hilft es ja mal einen Unfall zu verhüten... Entgegen aller Unkenrufe zur Unzuverlässigkeit elektronischer Bauteile in modernen Autos muß im Gegenteil zur Ehrenrettung des ABS von Bosch der ersten Generation gesagt werden, daß ich noch niemals von einem ABS gehört habe (und ich rede hier von Autos, die über 20 Jahre und mindestens 200.000 km hinter sich haben), an dem irgendetwas kaputt gegangen wäre! Das scheint also die Zuverlässigkeit in Person zu sein und so glaube ich, daß auch in weiteren 20 Jahren das ABS noch zuverlässig funktionieren wird. Dasselbe gilt auch für die Airbags. Versuchsweise wurden schon 20 Jahre alte Autos mit Airbag gecrasht mit dem Ergebnis, daß er immer noch tadellos funktionierte! Auch ein Airbag läßt sich nachrüsten, wenn man ihn unbedingt haben will. Beispiele sind mir bekannt. Besonders einfach übrigens bei W123 ab 1984, denn die haben serienmäßig Gurtstraffer und sind dazu natürlich mit dem Crashsensor ausgerüstet, der auch den Airbag auslöst. Im Gegensatz zum ABS läßt sich der erfolgreiche Einbau allerdings nicht testen...

weiter zu der W123 Szene....