Es gibt Autos, deren Dauerläuferqualitäten ihrem
Liebhaberstatus im Wege stehen: Wer sich heute im Stau umschaut, für
den gehört der letzte Mercedes aus der Ära vor der Windkanal noch
zum gewohnten Bild - und das, obwohl er dieser Tage seinen 25.
Geburtstag erlebt. W 123 - allein dieses Kürzel verhindert schon
eine etwas liebevollere Bezeichnung des Marathon-Klassikers. Während
oben die S-Klasse thronte und der SL Stuttgarter Sportlichkeit
darstellte, war der W 123 schon früher immer nur der
«Brot-und-Butter-Mercedes».
Begonnen hat die Karriere des W 123 Anfang 1976. Das
Erbe, das er anzutreten hatte, war kein leichtes - schließlich
galten die heute legendären Vorgänger der «Strich-Achter»-Reihe als
bis dato erfolgreichste Baureihe des Konzerns. Sie waren so begehrt,
dass sie parallel zum Neuen noch bis Ende 1976 weitergebaut
wurden.
Der Erfolg und die Qualitäten des Alten waren es wohl
auch, die Mercedes bewogen, die Unterschiede im Detail nicht allzu
krass ausfallen zu lassen. Wer innen Platz nahm, hatte das Gefühl,
einen renovierten «Strich-Achter» zu erleben: Die Kopfstützen mit
den seitlichen «Hasenohren» waren ebenso bereits bekannt wie der
Stil der Ausstattung samt den von innen verstellbaren
Außenspiegeln.
Sogar der Zuganlassschalter der Diesel-Modelle wurde in
die Zukunft gerettet: Der Knopf am Armaturenbrett wurde zum
Vorglühen der Diesel herausgezogen. In dieser Stellung absolvierte
der Fahrer dann eine 20 bis 40 Sekunden lange «Dieselgedenkminute»,
um das Aggregat mit weiterem Herausziehen des Knopfs zum Leben zu
erwecken.
Doch nicht alles war nostalgisch am 123er - besonders in
Sachen Sicherheit: Die Sicherheitszelle war weiter verstärkt, die
Knautschzonen an Front und Heck verbessert worden. Premiere feierte
eine Sicherheits-Lenksäule, die bei einem Crash wegknickte und daher
nicht gefährlich weit in Richtung Fahrer vordringen konnte.
Als charakteristisch galten bald die Front-Scheinwerfer
der 123er: Sie prägten damals ein heute wieder typisches
Vier-Augen-Gesicht mit großen Rundscheinwerfern und kleineren
Halogen-Nebelscheinwerfer. Richtig schick fand das jedoch kaum
jemand, so dass bald der Begriff «Ochsenaugen» die Runde machte. Nur
wer die sechszylindrigen Topmodelle bestellte, bekam elegantere,
rechteckige Scheinwerfer.
Die Motorenpalette reichte vom 200er Diesel mit 55 PS bis
hin zum Sechzylinder-Einspritzer mit 2,8 Litern Hubraum und 185 PS.
Während letzterer in knapp zehn Sekunden Tempo 100 erreichte, war
für Dieselfahrer der Begriff Beschleunigung ein Fremdwort. Immerhin
vergingen gut 30 Sekunden, bis die Tachonadel eines 200 D sich zur
100er-Marke aufschwang. Bei Tempo 130 war dann Schluss.
Als wäre die Zahlenreihe 1-2-3 Programm, kam nach der
Limousine bald eine zweite und dann auch eine dritte
Karossiervariante zu den Händlern. Den ersten Schritt machte auf dem
Genfer Autosalon 1977 das Coupé. Die Zweitürer trugen stilistisch
die typischen 123er-Merkmale, hatten aber einen um 85 Millimeter
verkürzten Radstand. Angeboten wurden 230 C, 280 C und 280 CE. Einen
Meilenstein der Firmengeschichte gab es im Herbst 1977 auf der
Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt: Mit dem T-Modell
des 123ers kam der erste in Großserie gebaute Mercedes-Kombi.
Und nochmal 1-2-3: Insider unterscheiden beim 123er auch
drei Epochen. Die erste währte von der Einführung bis September
1979. Dann folgten erste Veränderungen: Vor allem gab es zwei neue
Vierzylinder unter der Motorhaube. Für Aufmerksamkeit sorgte das
2,3-Liter-Einspritzaggregat des nunmehr 230 E genannten Modells, das
neben höheren Fahrleistungen auch einen geringeren Spritverbrauch
mit sich brachte. Außerdem gab es nun Kopfstützen ohne «Hasenohren»
sowie eine zeitgemäß überarbeitete Farbpalette. Auch die kleinen
Diesel wurden nun per Schlüssel gestartet.
Die dritte und letzte Runde begann im September 1982.
Diesmal atmeten besonders die Käufer der preisgünstigen
Modellvarianten auf, schließlich bekamen auch sie nun ab Werk die
schicken Scheinwerfer der Großen. Wenig begeistert waren
zeitgenössische Lenker dagegen von der neuen Verbrauchsanzeige, die
beim Beschleunigen bis zum Anschlag hochschnellte. Angenehmer war da
die nun serienmäßige Servolenkung.
Als Mitte der achtziger Jahre der Wechsel zu einer neuen
Modellreihe anstand, wiederholte sich die Geschichte, die den Beginn
der 123er-Ära prägte. Der letzte nicht vom Windkanal geglättete
Mercedes war zur bis dahin erfolgreichsten Modellreihe des Konzerns
geworden: 2 375 440 Limousinen, 199 517 T-Modelle und 99 884 Coupés
waren von den Bändern gerollt. Mit allen Sonderexemplaren kam man
auf insgesamt rund 2,7 Millionen Stück. Weil der Alte immer noch
begehrt war, wurde er bis zum November 1985 gebaut, rund ein Jahr
nachdem der Nachfolger W 124 gestartet war. Solche
Dauerläufer-Qualitäten bewiesen die Nachfolger am Ende ihrer
Laufbahn nie mehr.